Sind wir eigentlich noch zu retten?

Imkern und moderne Landwirtschaft (k)ein Widerspruch?Nun ist es beschlossene Sache, die EU-Zulassung von Glyphosat wurde um weitere fĂŒnf Jahre verlĂ€ngert. Dass die Mehrheitsentscheidung zustande kam, lag offenbar auch daran, dass Deutschland – anders als bislang – fĂŒr die ZulassungsverlĂ€ngerung von Glyphosat stimmte. Bundesumweltministerin Barbara Hendricks teilte schriftlich mit, dass die Zustimmung durch Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt zu Glyphosat nicht abgestimmt gewesen sei. Es sei daher klar gewesen, dass Deutschland sich hĂ€tte enthalten mĂŒssen. Minister Schmidt verteidigte die deutsche Entscheidung: man habe „wichtige Verbesserungen fĂŒr die Artenvielfalt und den Tierschutz durchsetzen können“, sagte er einem Interview mit der „Rheinischen Post“.

Das Herbizit Glyphosat ist umstritten und fast ĂŒberall zu finden: in Wasser, im Urin von Tieren und Menschen sowie in Getreide und daher auch in allen Verarbeitungsprodukten. Die internationale Krebsagentur hĂ€lt es fĂŒr „wahrscheinlich krebserregend“, das Bundesamt fĂŒr Risikobewertung verneint das. Nun kam heraus, dass die Behörde fĂŒr ihr Gutachten abgeschrieben hat – und zwar direkt beim Hersteller Monsanto (erst kĂŒrzlich gekauft von der Bayer AG). Über die ganze Diskussion kann man sich nur wundern, denn Monsanto selbst hatte beim Zulassungsantrag bei der amerikanischen Umweltschutzbehörde EPA in den 1980ger Jahren eine fundierte wissenschaftliche Studie eingereicht, welche die unterschiedlichen Arten von Krebs, die durch Glyphosat verursacht werden, auflistet.
Auch in Sri Lanka hat man keine Zweifel, was die Wirkung von Glyphosat angeht. Dort wurde Roundup (so der Name des  glyphosathaltigen Herbizits) hauptsĂ€chlich von Reisbauern als Unkrautvernichtungsmittel eingesetzt. Glyphosat wurde ursprĂŒnglich ebenfalls als Komplexbildner patentiert, da seine chemische Struktur es ermöglicht Metalle aus der Umwelt herauszulösen, zu binden und wasserlöslich zu machen. Zusammen mit Glyphosat ergeben Schwermetalle eine feste Verbindung, die im Grundwasser zurĂŒck bleibt. Trinkt man dieses Wasser gelangen die Stoffe in die Nieren und fĂŒhren zu schweren SchĂ€den, da Glyphosat-Metall-Verbindungen fĂŒr den Körper giftiger als Glyphosat oder Schwermetalle allein sind. In Sri Lanka sind bis heute 24.800 Menschen an den toxischen SchĂ€den gestorben, 69.000 Menschen leiden derzeit unter NierenschĂ€den, die Regierung hat daher glyphosathaltige Herbizide komplett verboten.
Von Seiten Monsantos versucht man zu verharmlosen, so heisst es auf der französichen Website sogar „Die akute ToxizitĂ€t ist geringer als die mancher gĂ€ngiger Produkte, wie Koffein oder Salz.“

Erhellend wirkt hier auch die unbedingt sehenswerte arte-Dokumentation „Roundup, der Prozess“, die noch bis zum 16.12. in der arte-Medathek verfĂŒgbar ist. Dokumentiert wurde hier der symbolische Prozess vom Oktober 2016 in Den Haag: beim internationalen Monsanto-Tribunal klagte eine BĂŒrgerinitiative den Saatgut-Multi in dessen Abwesenheit auf Ökozid und Verbrechen gegen die Menschlichkeit an. Ergebnis des Prozesses ist ein hieb- und stichfestes Rechtsgutachten, das möglicherweise dazu fĂŒhren wird, dass „Ökozid“ als Tatbestand im internationalen Recht Anerkennung findet.
Wem die 90 Minuten zu lang sind, dem seien die letzten 10 Minuten an’s Herz gelegt, wo Deutschland und DĂ€nemark zu Wort kommen. Da wird die große, große Welt plötzlich ziemlich klein und Monsanto steht direkt vor der HaustĂŒr.

FĂŒr Agrarkonzerne, aber auch fĂŒr Landwirte, die große AckerflĂ€chen bearbeiten und denen Glyphosat die Arbeit erleichtert, ist die Entscheidung der EU vor allem ein Sieg, fĂŒr UmweltschĂŒtzer und fĂŒr Verbraucher jedoch ein gewaltige Niederlage. Nun, wo das Kind weiterhin im Brunnen ertrinkt und wir weitere fĂŒnf Jahre mit Glyphosat leben mĂŒssen, bleibt uns zumindest noch die Möglichkeit bei unserer Bundeskanzlerin Frau Merkel zu protestieren und einen nationalen Ausstieg aus Glyphosat zu fordern – bitte machen Sie mit!
Wir Imker neigen traditionell gerne dazu den Landwirten den Schwarzen Peter zu zuschieben. Umso wichtiger ist es sich mit den Landwirten an einen Tisch zu setzen und ĂŒber Alternativen zu reden. Ein Möglichkeit dazu bietet der Vortrag „Imker und Landwirte im Dialog“ am 15. Januar 2018 in Langen, zu dem Sie herzlich eingeladen sind.
 
 
Quellen: tagesschau.de: „Einfach mal Ja sagen“; tagesschau.de: „Glyphosat-Zulassung Gescheitertes KalkĂŒl“; tagesschau.de:  „Umstrittenes Pflanzenschutzmittel Glyphosat – krebserregend oder nicht?“; Zeit online: „Monsanto-Übernahme: Was hat sich Bayer da nur ins Haus geholt?“; bienen&natur: Editorial, 11.2017; arte-Dokumentation „Roundup, der Prozess“, 2017; Wikipedia; Bund fĂŒr Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V. (BUND)

2 thoughts on “Sind wir eigentlich noch zu retten?

  • 29. November 2017 um 19:21
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    Hallo Cosima,
    vielen Dank fĂŒr deinen umfassenden Bericht. Es ist einfach schade, dass die Politik sich nicht um die Gesundheit der Verbraucher (die von ihnen gewĂ€hlten BĂŒrger) kĂŒmmert. Die Lobbyisten, das sch. . . Kapital, hat mal wieder gewonnen. Mal sehen, wo Ex-Landwirtschaftminister seinen neuen Brötchengeber findet; nicht lange zu raten. Und wer löst das BfR jetzt auf, um mit Wissenschaftlern weiter zu machen auf die man sich verlassen kann und wirklich unabhĂ€ngig sind?
    Liebe GrĂŒĂŸe, Wolfgang SchĂ€fer

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  • 1. Dezember 2017 um 16:21
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    Danke fĂŒr die Information – die Dokumentation in Arte habe ich mir letzte Woche schon angeschaut – ERSCHRECKEND . . .

    Was ich nicht verstehe, warum engagiert sich denn unser Hessischer Imkerverband, unser Vorstand Manfred Ritz nicht? Oder bekommen wir es nur nicht mit?

    Antwort

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